Dichterhain (JBHart)


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Es ist genug!

Es ist genug! Es nimmt überhand! Die Sonne bearbeitet das Deck in einer gemütlichen Art von Wahnsinn. Auf den Holzbrettern häuft sich eine stinkende Flüssigkeit, getränkt in Lauge.
Sie beißt sich durch die Nasen, - wie faulend, tödlich, zellenzerstörend und widerwärtig es den herkulischen Wind doch ergänzt. Und irgendjemand, dessen Sprache ich nicht verstehe, reibt dieses Zeug halbtuend über die grün mosernden Deckbretter. Unverständlich und abwertend, denn ich treibe mir die Langeweile hier breit. Es bleibt mir nichts als zu schauen und mich am Schönen dieses Schiffes zu ergötzen. Doch Schön? – was ist Schön, wenn es zu lange währt. Das Meer in seiner unendlichen Weite. Wellen die sich sanft strecken, ungebrochen, unheimlich und ungleichmäßig schön. An den Steilen der ungebrochenen Wände spiegelt sich die Sonne empor und es glänzt wie ein Meer aus Diamanten. Man erheitert, amüsiert und philosophiert sich daran. Jetzt aber ist es nur noch ein blindes Starren. Das Wasser ist entschönt für einen, der zuviel Zeit mit ihm verbringt. Nur blindes Starren und denken! Zuviel! Zuviel denken! Der Deckschrubber wirft seinen braunen Wischer unerfahrenen, ekelig auf eine noch trockene Stelle und verreibt die penetrante Lauge so tief in das Holz, dass es den Glauben erweckt, er würde bereits dem Tod den Nacken kraulen. Jemand verrichtet meine Arbeit stinkend und unzuverlässig. Als Ergebnis erhebt sich in mir ein Gedankenfluss, den ich nicht erörtern kann und mir das Hirn wälzt. Ein schwarzer Vogel treibt ruhig wie ein Schatten über das Wasser und die Wellen. Man sieht, wie er kämpft, wenn die Böen sich unter sein Kleid drängen um ihn zu ertränken. Er hält sein Gleichgewicht und lebt weiter. Im Gegensatz zu mir. Ich lebe, doch was ist ein Leben neben dem Strom der Taten. Also lebe ich nicht? Ich versuche mich meiner Gedanken zu entledigen und suche Ablenkung. Ich stelle mich näher an die Reling und schau am Rumpf herab. Ich höre, wie die Ruder gleichmäßig und schwerfällig immer und immer wieder zu Wasser fallen, dann ein Zug und wieder ein Zug. Aus den Rumpföffnungen kreischt das Gestöhne der Rudermänner. Die, die hier eigentlich alles noch halten, obwohl keiner etwas von ihnen hält. Zerfressene Lippen, aufgeschürfte Hände, krumme Buckel und Augen die wie Feuer aus ihrer Höhle hervor stechen. Diese ehrenwerten, armen Teufel. Ich stoße mich von der Reling weg und überschaue das Deck. Der Schrubber raucht gemütlich eine Zigarre und kratzt sich die Pest von den Armen. Auf den Liegestühlen im Wind hat sich eine Frau, reich von Rubinen und Smaragden, breit getan. Was sie nur von ihrem Reichtum hat. An ihrer Schläfe quellt nur noch der pure Knochen, ihre Wangen sind wie ein vertrockneter Strand und ihre Knie sind krüppelige Berge auf einem glatten Kamm. Fleisch ist an ihr nur wenig und bei den dürren Muskelfäden, die ihren Körper zieren, fragt man sich, wie sie es noch schafft nach Atem zu ringen.
Ich setze mich zu Boden, sodass es anfängt zu knarren und obwohl seine Zigarre erst zur hälfte aufgeraucht ist, brummelt mich der Deckschrubber mit unverständlichen Worten voll. Seine Arme strecken sich wie Tentakel wild in Luft. Er wird lauter und ich glaube er ist sauer, dass ich mich auf sein frisch gewischten, stinkenden Boden gesetzt habe. Er kommt zu mir und jagt mir seine Knie in den Rücken. Verdammtes Pack! Was er mit der Sprache nicht kann, macht er mit seinem Körper. Als deutliches „Ja, ich gehe schon“, habe ich ihm eine in seine schmale Fischfresse gegeben und mich wo anders hin gesetzt. Um mich abzuregen, blicke ich wieder auf das Wasser. Ich denke an soviel schönes. An grüne Blätter, sauberes Wasser, fruchtbare Erde, - all das, was mancher in seiner Kajüte stehen hat. All das, was ich auch nur will und doch nicht besitzen kann. Die ungebrochenen Wellen stoßen sich der Sonne entgegen. Es wirkt als würden sie sich unerbittlich mit ihren Ellebogen von den anderen weg schlagen, um nur an der Luft zu bleiben und der Sonne zu würdigen. Kampf ums überleben! Ich fasse mir aus den Wellen wieder Mut und komme aus meinen depressiven Trott heraus. Ich freue mich die Luft zu atmen, wie sehr sie auch stinkt. Ich nehme mir vor zu kämpfen, also zu leben. Mehr bleibt mir nicht! Es ist jedoch genug, - denn nichts ist so kostbar wie das Leben, gerade in Zeiten wo es nichts zählt.
28.6.07 14:14
 


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